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leave no one behind!
01.05.20

leave no one behind!

Die erste Zwangspause für den Panzerkreuzer am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz im Zweiten Weltkrieg dokumentiert glücklicher- wie fatalerweise den militärischen Kampf gegen den Faschismus: das Theater, umgerüstet zum Munitionslager – traf eine Bombe den Bühnenturm – und eine Brandbombe tat später ihr übriges. Schutt und Asche. Zuvor wurde die Volksbühne auf Linie gebracht, wie alle Theater.

Dem einzigartigen Ansatz zur Emanzipation der Arbeiterklasse, die ihr eigenes Theaterhaus errichtete – „wenn die Arbeiter ihren Kunsttempel bauen, hören sie auf mit Steinen zu schmeißen.“, so die Haltung des damaligen Polizeipräsidenten, der nicht ahnte, dass auch Kunst Angriff sein kann – und ihrem Recht auf Theaterrezeption folgte durch den Krieg eine lange Spielpause. In den Siebzigern des 20. Jahrhunderts konnte das Haus wieder anschließen an das, womit Max Reinhardt, Erwin Piscator und andere Theatergeschichte schrieben, weil sie diese Kunst revolutionierten. Der Krieg hatte nicht nur die Zerstörung des Gebäudes gebracht, sondern trennte die Volksbühne in Ost und West. Hier am Stammhaus der Volksbühne brachte die Truppe um Benno Besson mit seinen jungen Regisseuren Manfred Karge, Matthias Langhoff, Jürgen Gosch und Fritz Marquardt das Haus zum Bersten: leidenschaftliche, junge Schauspieler*innen – Künstler*innen, die angstfrei brannten für den Fortschritt und für die direkte Begegnung mit dem Publikum. Dann wieder eine Zäsur, diesmal ausgelöst durch die friedliche Bewegung 1989: wieder bekommt ein junger Regisseur das Haus, der eine Truppe von Inszenatoren und Akteuren um sich sammelt. Mit Frank Castorf und seinem Chefausstatter Bert Neumann prägen Johann Kresnik, Christoph Schlingensief, Christoph Marthaler, später René Pollesch und Herbert Fritsch und ein unverwechselbares Ensemble das Haus. Aufmüpfig, protestierend, neue Ästhetiken im Sinn – die Volksbühne wurde zum Garant des queren Denkens.

Und nach dem gescheiterten Versuch mit Chris Dercon? Ein junges Ensemble holt das Theater zurück auf die Bühne. Regisseur*innen probieren sich an einem Haus, das 800 Zuschauer*innen Platz bietet und vom bunten Treiben der anderen Spielstätten eingekreist ist. Ein Generationswechsel par excellence, der vollendet werden sollte in dieser Spielzeit mit einer hohen Dichte an Premieren, Debatten, Musik und allem, wofür dieses Haus steht – abgebrochen durch Covid 19.

Die momentane – auf die Volksbühne niedergekommene Stille – lässt die Theaterkunst nackt dastehen. Zeit, im verschwiegenen Gebäude die wechselvolle Geschichte heraufziehen zu lassen und zu fragen, welche Devisen gelten nach wie vor, und wie haken Spiel und Kunst ein? Immer wieder, bis heute die Sympathie und Verteidigung derer, die aufgrund ihrer Minderheit beinahe ungehört bleiben (Geflüchtete, Eingewanderte, Einsatz für ein bedingungsloses Grundeinkommen). Alternatives Denken (Wie eine weitere Spaltung der Gesellschaft verhindern und trotzdem frei leben?) und Aufstören althergebrachter Anschauungen (Was ist ein modernes, tolerantes Europa? Wie sieht es sich im Kontext der Globalisierung?). Den Druck verstärken zu handeln (Gentrifizierung, Klimawandel). Ächtung von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.

Die Volksbühne will ein alternativer Kunst-Ort im Herzen Berlins sein, der sich nach wie vor der Geschichte verschreibt, Gefährdungen für die Gesellschaft permanent anmahnt, ins Spiel übersetzt und im Vorwärtsblick nach hinten schaut: Leave no one behind.

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