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Hygiene-Inspektion
von Annett Gröschner
27.04.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #18
von Annett Gröschner

Hygiene-Inspektion

Die Blaumeisen fallen tot von Himmel, der Staub von Brandenburg ist nicht mehr nur Metapher. Ein April ohne Regen. Berlin ist trockener als die Sahara. Bald wird die Kiefer, das preußische Nutzholz, Geschichte sein. Werden wir dann noch Kleist aufführen oder wird er endgültig aus der Mode kommen? Der Ostwind treibt den Rauch aus den Wäldern um Tschernobyl nach Westen. Die, die als Kind nicht auf den Spielplatz durften, wegen der radioaktiven Wolke, deren Kinder dürfen heute wieder nicht auf den Spielplatz, wegen eines Virus. Eigentlich haben wir noch ganz andere Probleme als dieses unter dem Mikroskop ästhetisch anspruchsvolle Wesen auf der Suche nach einem Wirt. Mit ihm ist es wie mit der Radioaktivität, es ist mit bloßem Auge nicht sichtbar und einige stampfen deshalb mit dem Fuß auf oder stemmen die Hände in die Hüften, je nach Machtbewusstsein, und rufen: Sehe ick det nich, jibts det ooch nich.

Das war bei Tschernobyl vor 34 Jahren nicht anders als heute. Das Paradox ist, je besser eine Eindämmung durch die Kontaktsperre gelingt, desto weniger Tote und Erkrankte gibt es in näherer Umgebung. Ein Dorado für Verschwörungstheoretiker*innen, die den Virus als Erfindung der Eliten zum Zwecke der Totalherrschaft behaupten. Oder als nicht schlimmer als eine Grippe. Wir wissen inzwischen alle: Ein Lockdown, auch der gelockerte, zerrt an den Nerven. Die einen arbeiten zuviel und die anderen sind von 100 auf knapp über Null abgebremst in ewigen Videokonferenzen gefangen, man hockt entweder zu eng beieinander oder vereinsamt, nicht jede Regelung ist auch angemessen, Theater ist unwichtiger als ein Baumarkt, und bei vielen gibt es die Angst, ein Teil der Verbote könnte auch in coronafreien Zeiten die Grundrechte beschränken. Ich persönlich gehe mit Carolin Emcke mit, die in ihrem Corona-Journal geschrieben hat, dass die Pandemie mit ihren notwendigen temporären Einschränkungen „uns nicht aus der Pflicht entlässt, jede Anordnung, die uns Rechte und Freiheiten nimmt, die uns unserer ökonomischen oder sozialen Existenz beraubt, zu prüfen und zu widersprechen, wo es geboten ist“.

Ich bin also eigentlich prädestiniert, einer Demonstration zur Verteidigung der Grundrechte unter Einhaltung des Abstands von 1,5 Metern beizuwohnen.
Allerdings würde ich aus freien Stücken nie zu einer Demonstration gehen, die Hygiene heißt, auch wenn sie behauptet, eine Versammlung für die demokratischen Grundrechte zu sein. Hygiene, wenn sie die Sanitärräume verlässt und in die Gefilde der Politik wandert, klingt für mich immer nach Diktatur. Das klingt nach geschlossenem Volkskörper und also nach rechten Projektionen von Reinheit. Das klingt nach Säuberung durch Aussonderung. Da ist der Schritt zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass auf Schwächere und Andersdenkende nicht weit.

Aber weil ich sowieso einen Spaziergang machen wollte und die Chronist*innenpflicht mich trieb, wanderte ich zum Rosa-Luxemburg-Platz, um mir das Schauspiel mit eigenen Augen anzusehen. Schließlich geben ja die Veranstalter*innen die Volksbühne als Adresse an. Nur hatte ich weder ein Büro der Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand e.V. i.G. im Haus noch wenigstens einen Briefkasten am Haus entdecken können, verstand aber als Geschichtsmaschinistin sofort, dass jeder selbsternannte Volkstribun alter patriarchaler Schule eine Volksbühne braucht. Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand waren für mich bis dato die, die bei Facebook mit Vorliebe ihre Sätze mit drei Ausrufezeichen beenden, damit man auch sofort begreift, dass sie Recht haben. Sätze wie: „Wer in der Neoliberalen Epoche schläft wacht im Corona-Faschismus auf!!!“ Nicht zu vergessen ihre Vorliebe für selbstverliebte Adjektive. „Einzig seriös“ als Attribut für ihre Zeitung klingt ja immer wie schlechte Internetwerbung, die glatte Haut verspricht und am Ende hat man ein Ekzem im Gesicht.

Als ich den Platz betrat, war die Versammlung untersagt worden, eine Demonstration war laut Polizei „wegen fehlender Ausnahmegenehmigung des Bezirksamtes Mitte nicht zulässig“ und die Beamten gerade dabei, Absperrgitter zu den Seitenstraßen zu errichten, um weitere Demonstrierende neben denen, die schon auf dem Platz saßen oder auf der Straße herumstanden, fernzuhalten.
Die Volksbühne hatte ihren Namen an der Fassade und das Räuberrad auf dem Platz schwarz zugehängt, um nicht länger als Kulisse zu dienen, Anwohner*innen hatten Protestplakate aus ihren Fenstern gehängt und linksalternative Gruppen sich in einem Aufruf gegen die Querfront zusammengeschlossen, darunter auch ehemalige Mitstreiter*innen der Veranstalter*innen. Groß im Netz angekündigte Redner*innen, wichtige Prominente linker Couleur allesamt, hatten öffentlich dementiert, Teil der Hygienebewegung zu sein. Dafür hatte die NPD ein Grußwort geschickt, stadtbekannte Rechtsextreme liefen auf und ab wie Models auf einem Laufsteg. Einer trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gib Nazis keine Chance“, und ich dachte, wenigstens ein aufrechter antifaschistischer Demonstrant auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, aber bei genauerem Hinsehen stand da nicht Nazis sondern Gates. Gib Toren keine Chance? Nein, natürlich war der neue Lieblingsfeind der Querfrontler*innen, Bill Gates, gemeint. Ken Jebsen saß im Schneidersitz auf dem Dach eines Campers und spielte Buddha, wie auch an die 50 Leute auf und außerhalb des Platzes, auf dem es mehr Presse als Demonstrierende gab und jede Menge Abstand, im Gegensatz zu den Seitenstraßen, wo Menschen sich ohne jeden Abstand drängten. Von dort kamen die bei Populist*innen allseits beliebten „Wir sind das Volk“-Sprechchöre. Man sah förmlich, wie die Schreienden ihre Aerosole verteilten, als wollten sie sich mit Absicht gegenseitig anstecken, um morgen die „überalterten Eliten“ anzuhusten. Man kann nur hoffen, dass sie nächste Woche ihre geliebte alte Mutter nicht treffen, für die Covid-19 vielleicht keine so harmlose Grippe ist. So kann man ein Volk auch aussterben lassen, dachte ich und mir fiel die Mauer in der Dunckerstraße ein, an der 1990 stand: „Wir sind ein blödes Volk.“

Der Rest war Esoterik.
Die Linienstraße entlang saßen nebeneinander aufgereiht wie Einfamilienhäuser mit Garten vorwiegend Frauen auf Yogamatten und Decken und meditierten. Nicht wenige für das Recht darauf, nicht geimpft zu werden. Was die Autonomen auf ihrer genehmigten Gegenkundgebung Linien-/Ecke Weydingerstraße zum Anlass nahmen, ihnen zuzurufen: „Wir haben uns das Virus ausgedacht, um Euch zu impfen.“
Am besten gefiel mir ein Paar, schon etwas älter, das einen zwei Meter langen und zwei Meter breiten Kreidestrich als Abgrenzung auf den Gehweg malte, ehe es sich auf die Pflastersteine setzte und gleich eine Diskussion mit den neuen Nachbar*innen anfing.
Einen Moment wünschte ich mir, dass alle diese Monaden auf ihren Gesundheitsteppichen transzendierten und leise davonschwebten. Aber das klappte nicht, sie waren viel zu angestrengt auf Wirkung bedacht.

Eine fröhliche Angelegenheit war diese Zusammenkunft nicht. Eher eine Ansammlung von Menschen, die ihr Recht auf Egoismus verteidigten und viel dafür taten, öffentlichkeitswirksam von Polizisten in Kampfmonitur weggetragen zu werden, um ihr Gesicht dabei schmerzverzerrt in die Kamera eines gleichgeschalteten Mediums zu halten.

Ich wartete die Auflösung der Versammlung nicht ab, ich hatte genug gesehen. Stattdessen schlenderte ich weiter auf den Friedhof an der Mollstraße, ans Grab von Fritz Mierau, und unterhielt mich mit ihm über den Widerstandsbegriff von Franz Jung und den Aspekt der Solidarität darin. Es war ganz still, die Vögel sangen und die Autos waren nicht deshalb nicht zu hören, weil der Lockdown den Verkehr zum Erliegen gebracht hatte, sondern weil die Polizei die Torstraße wegen der Demonstration mit zwei ihrer Motorräder versperrte. Willkommen zurück im Berliner Alltag.

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