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Simon und Simone
von Ruth Herzberg
20.04.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #17
von Ruth Herzberg

Simon und Simone

"Dies hier" sagte Simon, wieso sprach er sie einfach an, natürlich, es war wie immer, er sprach sie einfach an, obwohl sie sich nur ein Glas Wasser in der Küche hatte holen wollen.
Er sprach sie an, weil er eben in der Küche am Rechner saß und sie im Zimmer, so hatten sie die Territorien aufgeteilt, um nicht den ganzen Tag im selben Raum verbringen zu müssen.
"Dies hier, die aktuelle Situation, meine ich, wäre doch eigentlich ein super Vorlage für ein Theaterstück."
Sie seufzte, schwenkte den Einhandmischer nach rechts und ließ kaltes Wasser ins Glas laufen. Wieso kam er jetzt damit an. Er interessierte sich doch sonst auch nicht für Theater oder Kunst. Als Nächstes würde er sich bestimmt auf Sartre beziehen.
"Die Hölle, das sind die anderen", sagte Simon jetzt und lächelte stolz.
Sie nickte sehr kurz, extrem kurz und verließ die Küche so schnell wie möglich. Sie wollte einfach nur ihre Ruhe haben. Ruhe, Ruhe, Ruhe. Seit dem Kontaktverbot und seitdem man zu Hause bleiben sollte, hatte sie sich in einen Einsamkeitsfuror hineinisoliert. Sie hatte eine Art Ruhewahn entwickelt.
So wie es jemandem mit Putzwahn nicht sauber genug sein kann, so konnte es ihr eben nicht ruhig genug sein.
"Ja, ich glaube, das mache ich."
Simon war ihr ins Zimmer gefolgt und sprach vollkommen rücksichtslos auf sie ein, obwohl sie doch schon wieder am Rechner saß und Facebook geöffnet hatte.
"Ich schreibe ein Theaterstück über ein Pärchen, das wegen Corona in einer zu kleinen Wohnung zusammengesperrt ist. Am Anfang ist noch alles schön, aber im Laufe der Zeit gehen sie einander so auf die Nerven, bis einer von beiden den anderen umbringt."
Sie knurrte nur. Seit Tagen hatte sie kein Wort mehr gesprochen, bemerkte sie jetzt.
Egal, was Simon sagte, sie seufzte oder knurrte nur noch. Er schien es nicht zu bemerken, oder ignorierte es, oder er interessierte sich für ihre Gefühle genauso wenig wie für Theater oder Kunst.
Whatever, er war und blieb eben einfach ein Vollidiot, daran änderte die "aktuelle Situation" nichts, im Gegenteil, sie brachte alle Facetten seiner Idiotie zum Vorschein. Warum war ihr das nicht schon vorher aufgefallen, dann hätte sie ihn rechtzeitig auf die Straße setzen können. Ach ja, war es doch, war es doch. Aber so ist das eben in einer Beziehung, hatte sie sich gesagt, dass man sich manchmal auf die Nerven geht, das muss man aushalten, das gehört dazu, und jetzt war es zu spät, jetzt hatte sie den Salat.

Dieser Typ. Simon. Es war die Hölle. Immer und überall in der kleinen Wohnung hörte man seine Stimme. Er führte neuerdings stundenlange Telefonate. Täglich. Mit seiner Mutter im Altersheim. Weil er sie ja neuerdings nicht mehr besuchen durfte. (Als ob er sie vorher besucht hätte. Einmal im Monat, wenn‘s hochkam.) Mit seiner Schwester, um über den Gesundheitsszustand seiner Mutter zu beraten. Mit seinem Geschäftspartner. Mit irgendwelchen Leuten, die er anrief, bei denen er sich nach langer Zeit meldete, angeblich um zu erfahren, wie es ihnen in der aktuellen Situation ging, aber eigentlich doch nur, um seine Weisheiten von sich zu geben. Allen erzählte er dasselbe, mit genau den gleichen Worten:
"Boris Johnson liegt mit Corona im Krankenhaus. Es gibt noch Gerechtigkeit. Ja, haha, ganz großes Kino, Realsatire. Unglaublich."
"Auf Usedom wirft man Steine auf Autos mit dem falschen Nummernschild. Es ist echt zum Fremdschämen. Schlimmer als Mittelalter. Steinzeit. Vom Festland abriegeln, aushungern und sich selbst überlassen müsste man die."
"Im Januar hat Jens Spahn Corona noch verharmlost. Komplett inkompetent und unfähig, der Mann. Unglaublich, was für Leute heutzutage Politiker werden."
"Man weiß ja gar nicht mehr, was noch erlaubt ist und was nicht."
"Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald New Yorker Zustände."
Und so weiter und so fort. Sie hatte seine primitiven, vorhersehbaren Gedankengänge "vorher" sogar irgendwie niedlich gefunden. Witzig, hatte sie gedacht, wer hätte je geglaubt, dass ich mal mit so einem einfachen Typen zusammenkommen würde? Sie hatte das sexy gefunden, sich an so jemanden wegzuwerfen.
Am schlimmsten war es, wenn er die aktuellen Fallzahlen, vorzugsweise in Dritte-Welt-Ländern, referierte. Wie sich dann seine Stimme senkte. Wie er dann versuchte, besorgt zu klingen.

Neuerdings ging er auch nur noch mit Maske aus dem Haus. Die hatte er sich bei irgendeiner fast-bankrotten Ramschboutiquenbesitzerin aus der Nebenstraße geholt. Für stattliche 25 Euro das Stück, dafür aber schrill gemustert.
"Selbst die schlechteste Maske hilft, besonders wenn alle sie tragen. Virenlast minus 30% in etwa Risikominimierung um 80%!", hatte er ihr erzählt, hatte er tagelang seinen Telefongesprächspartnern erzählt, hatte er in seinen Facebookstatus unters neue Maskenselfie geschrieben.
Er hatte ihr natürlich auch eine (EINE!) zu Ostern geschenkt, "für den Einstieg".
Sie ekelte sich davor, sie würde so ein Ding niemals aufsetzen, sich noch mehr einsperren, sich in seinen eigenen Atem sperren, das würde sie bestimmt nicht auch noch tun.
Was wollten sie denn noch alles von ihr?

Man hatte das Leben eingefroren, nichts passierte mehr, sie hatte im Ausnahmezustand genau die gleichen Probleme wie vorher und jetzt aber eben NUR noch die.
Das machte es so schlimm, so unerträglich, das war es wohl, was Burroughs mit seinem Naked Lunch gemeint hatte?
Der Moment der gefrorenen Wahrheit, in dem jeder sieht, was er wirklich auf der Gabel hat. Aber war es wirklich so? War Simon wirklich so ein Nervbolzen oder kam es ihr nur so vor? Würde sie ihn vermissen, alles bereuen, was sie Böses von ihm gedacht hatte, wenn sie ihn erstmal darum gebeten haben würde, sich für immer zu verkrümeln?
Sie war unsicher, sie traute sich selbst nicht mehr. Die Maskenmenschen, die Mindestabstände, die leeren Straßen, alles war so absurd, so unwirklich. Es gab doch gar keine Wirklichkeit mehr. In Wirklichkeit war alles nur noch Schein, wurde alles von Tag zu Tag scheinbarer, erzeugte jeden Tag ein neuer Experte, ein neues Institut, ein neuer Länderchef einen neuen Schein und neue Wirklichkeiten.
Was hatte Merkel in der Pressekonferenz gemeint? Lockerung der Maßnahmen oder Verschärfung? Was bedeuteten die Zahlen? Wieviele waren infiziert? Wieviele geheilt? Waren doch mehr infiziert, waren doch mehr gestorben? Wenn man mehr testet, gibt es dann mehr Infizierte? Wer wird getestet, wer nicht, welches Institut, welche App, welches Bundesland, welcher Test? Welcher Wochentag? Welche Uhrzeit?
Sie spielte ja tatsächlich mit dem Gedanken, einen Corona-Roman zu schreiben, jedenfalls kam es ihr so vor, als würde sie dies tun, also mit dem Gedanken spielen, einen Roman zu schreiben. So wie sie es in der Kindheit getan hatte, in der sie manchmal von sich in der dritten Person denkend, parallel zu ihrem Tun, all ihre Handlungen sich erzählte, als wär es ein fertig geschriebener Roman und sie sich sozusagen ihr Leben im Moment des Geschehens schon selbst als etwas Abgeschlossenes vorlas.
Da sie allein lebte und sie sich einsam fühlte, weil sie Simon vermisste, den sie dummerweise kurz vor der Corona-Krise der Wohnung verwiesen hatte, hatte sie ihn sich in ihr Leben zurückerfunden.
Sie genierte sich, dass sie ihn nicht komplexer ausgestaltete, dass sie so eine platte Figur aus ihm machte, andererseits, wozu die Sache beschönigen, die Trennung hatte ja Gründe gehabt und er konnte froh sein, dass sie nicht noch viel weiter gegangen war. Sie ging gedankenversunken in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen.
"Dies hier", sagte Simon, wieso sprach er sie einfach an, natürlich, es war wie immer, er sprach sie einfach an, obwohl sie sich nur ein Glas Wasser hatte holen wollen.
"Dies hier, die aktuelle Situation, meine ich, wäre doch eigentlich ein Super-Vorlage für ein Theaterstück."

Ruth Herzberg, Autorin, 1975 in Ostberlin geboren. Studierte Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Veröffentlichte 2014 das Buch: Wie man mit einem Mann glücklich wird". War Mitglied der Lesebühne Surfpoeten und Schuld und Bühne Berlin. Veröffentlicht regelmäßig in "Der Freitag" und in der "Berliner Zeitung". Corona-Tagebuch und weitere Texte auf www.frauruth.de.

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