de / en

Osterspaziergang mit Virus an der Leine
von Annett Gröschner
12.04.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #16
von Annett Gröschner

Osterspaziergang mit Virus an der Leine

Darf ich mich mit zu Ihnen auf die lange Bank setzen? Nein? Gut, dann gehe ich eben spazieren und führe Selbstgespräche. Machen übrigens immer mehr, denen ich bei meinem Flaniersport begegne. Manche reden auch nur in ihre unsichtbaren Mikros. Halten Konferenzen ab oder scheißen ihre Mitarbeiter*innen zusammen, während sie versuchen, anderen aus dem Weg zu gehen. Manchmal weiß man nicht, ob diejenigen, die da gerade Schlangen laufen, nicht vielleicht doch betrunken sind, was mir persönlich sympathisch wäre, hätte es doch etwas von Berliner Normalität. Die meisten sind stocknüchtern, auch wenn die Alkoholvorräte in meinem Supermarkt, wie auch die der Schokolade, am Gründonnerstag bedenklich dezimiert waren.

Wenn die Theater nicht arbeiten dürfen, sind die Kontaktverbotsausnahmen eben die Bühne. Vorgezogenes Sommertheater mit Laien. Die Masken sind auch schon fertig und werden auf dem Laufsteg, den Supermärkte und Gehwege bilden, vorgeführt. Offenbar haben einige ihre Haut-Couture-Kleider dafür zerschnitten, um im ewigen Wettbewerb zu bestehen. Sie haben nicht nur die schönsten Kinder, nein, die Kinder haben auch die schönsten Masken. Ich dagegen bin in meinen ostelbischen Präteritummodus verfallen. Habe immer einen Dederonbeutel dabei, pflanze Tomaten auf dem Balkon und hole die Nähmaschine aus dem Keller, mit deren Hilfe ich mir einst das Studium finanziert habe. Als Grischa Meyer, Barbara Felsmann und ich vor sieben Jahren das Berliner Kriegstagebuch von Brigitte Eicke Backfisch im Bombenkrieg herausgegeben haben, war das besondere Fundstück der auf Zeitungspapier des Völkischen Beobachters ausgerädelte Schnitt einer Bluse. Ich werde die aus Papier der FAZ, des Freitag und der taz gefertigten Maskenschnitte also vorsorglich aufheben, man weiß ja nie, wen das eines Tages interessiert, falls die Viren nicht gewinnen. Ich hoffe nur, dass die Stromversorgung stabil bleibt, nicht nur, weil ich keine Schreibmaschine mehr habe.

Da der Bewegungsradius der meisten nicht so groß ist, wächst der Kiez zu ungeahnter Größe. Besonders auffällig für mich: Der Prenzlauer Berg ist noch einförmiger geworden. Wahrscheinlich weil die Superperformer*innen in den Dachgeschossen jetzt selbst putzen müssen und die Restaurants geschlossen sind. Auch der Obdachlose, der seit Jahren hinter der Kaufhalle sein Domizil aus sechs hintereinander geparkten voll gepackten Einkaufswagen hatte, ist nicht mehr da. Ich fürchte, der Grund ist nicht der, dass er eine Wohnung gefunden hat.
Die grundsätzlichen Probleme der Stadt haben sich nicht geändert, sie sind nur weniger sichtbar. Manche sind auch lebensgefährlich. Familien leben in zu kleinen Wohnungen, da ist Streit vorprogrammiert. Es gibt kaum Möglichkeiten des Ausweichens, wenn es zu Gewalttaten kommt, auch wenn die Plätze in den Frauenhäusern Berlins aufgestockt wurden. Denn wie holt man Hilfe, wenn man in Quarantäne mit dem Peiniger ist? Fast jedes dritte Kind in Berlin lebt von Hartz IV. Das kostenlose Schulessen gibt es seit vier Wochen nicht mehr und die Tafeln habe ihre Arbeit weitgehend eingestellt. In den Supermärkten sind die preiswerten Produkte als erstes weggekauft von Leuten, die sich auch die teureren Nudeln leisten könnten.

Das Leben mag für eine Hälfte der Bevölkerung stillgestellt sein, die andere Hälfte darf jetzt zwölf Stunden am Stück arbeiten und auch die Ruhezeiten wurden verkürzt. Schwierig, wenn man eine alleinerziehende Pflegerin ist.
Je mehr Zeit vergeht, desto mehr fragt man sich, welche Gebote und Verbote die Gesundheit schützen und welche die Grundrechte unnötig einschränken. Vor allem, wenn Regelungen schwammig formuliert sind, wird das Auslegen der Polizei überlassen, und das kann für Betroffene teuer werden. Da werden mit Abstand Demonstrierende, wie im März bei einer Kundgebung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, schnell zu Gefährdern erklärt. Oder ein Autokorso gestoppt, der mit Solidaritätsaufrufen für Geflüchtete durch Kreuzberg fuhr. Mit Infektionsschutz hat das wenig zu tun.
Wir müssen also sehr aufmerksam bleiben, wie es nach der Aufhebung der Covid-19-Maßnahmen weitergeht und was uns dann als Vorsorge für die nächste Pandemie verkauft wird. „Die kapitalistische Marktökonomie kennt kein Erbarmen“, hat der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl im Gespräch mit Monopol gesagt. Blackrock (warum fällt mir da sofort Friedrich Merz ein?) wettet an den Börsen auf den Kursverfall der Deutschen Bank, bei der sie selbst Aktionäre sind, und wir können wetten, dass die von Bertelsmann empfohlene Schließung von 600 Krankenhäusern in Deutschland noch nicht vom Tisch ist.

In Berlin gibt es dieser Tage ein Paradox. Es ist zu Ostern voller in der Stadt als in anderen Jahren. Ich habe es immer genossen, Ostern in der Stadt zu verbringen. Bis auf ein paar touristische Hotspots ist es in normalen Jahren ruhig, es gibt kaum Verkehr auf den Straßen und man kann in den Parks ungestört Eier verstecken. In diesem Jahr ist es umgekehrt. Die touristischen Hotspots sind verwaist und die Parks und Spazierwege voll mit Leuten, die eigentlich in ihren Landhäusern in Mecklenburg-Vorpommern oder bei den Eltern in Bayern oder Nordrhein-Westfalen wären. Das „offizielle Hauptstadtportal“, die Homepage des Grauens berlin.de gibt ein paar gutgemeinte Tipps, wie man Ostern in der Quarantäne verlebt: „Bei der Suche nach passenden Verstecken für Ostereier in der Wohnung ist Kreativität gefragt. Als besonders lustig erweisen sich meist Verstecke, bei denen die Eier, Schokohasen und Süßigkeiten offen dar(!)liegen und dennoch nicht gesehen werden.“ Unter Ideen für mittelschwere Verstecke heißt es:
„Für Kinder zwischen vier und sechs Jahren können die Herausforderungen bei der Suche schon deutlich erhöht werden. Diese Verstecke bieten sich an:
Neben/hinter dem Fernseher
Zwischen Büchern im Bücherregal
In Blumen- und Pflanzentöpfe
Unter dem Bett/unter der Bettdecke
In Sofaritzen
In Schuhen
Zwischen Putzutensilien.“
Wer schreibt solche Texte?

Der Papst ist Karfreitag den Kreuzweg ohne seine Schäfchen gegangen. Nur jeweils fünf Gefängnisinsassen und Krankenhausmitarbeiter*innen durften ihn begleiten. Vielleicht haben die Knackis ihn beraten, wie man die Pandemie in Würde aussitzt.
Auch ich habe eine Anregung aus dem Gefängnisalltag übernommen und male jeden Morgen einen Strich an die Wohnungstür, seit wie vielen Tagen wir im Lockdown sitzen. Heute ist der 21. Tag. Bei Theatern und Clubs sind es 10 Tage mehr.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fehlt bei aller Einsicht das Theater entsetzlich, zumal bisher auch keiner sagen konnte, wie es weitergeht nach dem 20. April. Ich stromere immer mal wieder sportiv um die Volksbühne herum. Abends und ohne Brille sieht das Räuberrad wie ein Coronavirus auf Beinen und mit eingeklappten Saugnäpfen aus. An dem ersten milden Abend saßen zwei Menschen auf einer Decke auf dem Rasen vor dem Bühnenhaus und tranken Wein. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, dass heute, am Ostersonntag, Sir Henry auf dem Dach der Volksbühne steht und noch einmal den Osterspaziergang aus der Faust-Inszenierung vor drei Jahren aufsagt. Auch wenn „Im Thale grünet Hoffnungsglück“ wie Hohn klingt und eine Zeile wie „Aus dem hohlen, finstern Tor / Dringt ein buntes Gewimmel hervor“ in Zeiten des Kontaktverbots eher kontraproduktiv ist. „Des Volkes wahrer Himmel“ ist in diesem Jahr der Abstand.
Aber vom Eise befreit werden mussten Strom und Bäche schließlich auch nicht, der Winter war zu mild dafür.

Vergangene Kolumnen:

Geschichtsmaschinistin #1: Vom Überschriebenwerden / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #2: Grüße aus der neuen Nachbarschaft / von Ruth Feindel
Geschichtsmaschinistin #3: Ein Sumpf zieht an der Endmoräne hin/ von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #4: Das soll Avantgarde sein?! / von Anna Fastabend
Geschichtsmaschinistin #5: Andrej Platonow – der Meliorator und Lokomotivführer der Geschichte / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #6: Welt anhalten / von Peggy Mädler
Geschichtsmaschinistin #7: Überschriebene (Frauen-)Geschichte / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #8: Ein Kind der Revolution / von Katrin Gottschalk
Geschichtsmaschinistin #9: Ronald M. Schernikaus LEGENDE / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #10: Vom Ich zum Haus / von Luise Meier
Geschichtsmaschinistin #11: Nazis in Neukölln und anderswo / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #12: Ich will meine Theaterstücke nicht mit Hashtags versehen / von Sarah Kilter
Geschichtsmaschinistin #13: Troll dich / von Annett Gröschner
Geschichtsmaschinistin #14: VERKACKT / von Laura Naumann und Marielle Schavan, Theaterkollektiv Henrike Iglesias
Geschichtsmaschinistin #15: Schlendern verboten / von Annett Gröschner

Diese Website setzt Cookies ein. Mehr darüber erfahren Sie in unseren Hinweisen zum Datenschutz. > Mehrx