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Wenn die ‚unsichtbare Hand‘ Weltgeschichte schreibt
19.03.20

Liebes Publikum,

Alexander Eisenachs Der Kaiser von Kalifornien hätte heute Uraufführung gefeiert. Wir holen das hoffentlich bald nach! Zur Feier der heutigen Nicht-Premiere möchten wir Euch zumindest im solitären Unterhaltungsmodus unterstützen und veröffentlichen vorab einen sehr schönen Text des Literaturwissenschaftlers Daniel Neumann aus unserem Programmheft – das übrigens bereits gedruckt ist und sehnsüchtig wartet.

Viel Vergnügen bei der Lektüre und solidarische Grüße!​

Wenn die ‚unsichtbare Hand‘ Weltgeschichte schreibt

von Daniel Neumann

Die Ursprünge der Marktgesellschaft sind identisch mit der urbanen Kultur, was allerdings ganz und gar nicht bedeutet, dass die Beziehung zwischen dem Imperativ von Angebot wie Nachfrage und Zivilisation auf friedliche Koexistenz hinausläuft. Vielmehr waren drei bis vier Jahrhunderte Training nötig, um dem anthropos beizubringen, dass Arbeit, Boden und Grundnahrungsmittel Waren sein können, die man sodann kaufen und verkaufen kann – und vor allem soll. So gesehen ist die Geschichte der Moderne eine Chronik der Unterwerfung des gesellschaftlichen Lebens unter Marktbeziehungen (1), die – einmal in die Welt gesetzt – einen Prozess lostraten, der den Planeten Erde so rasch und einschneidend veränderte, dass sogar die beiden größten Kritiker der freien Marktwirtschaft voller Ehrfurcht auf die fortschreitende Produktivkraftdynamik des Kapitalismus blickten: Marx und Engels beobachten, fasziniert und beunruhigt zugleich, wie der Kapitalismus – durch die Kolonien als äußere Triebfeder beschleunigt – innerhalb kürzester Zeit ein Weltsystem errichtet.

Die Einsetzung der Ordnung von Angebot und Nachfrage analogisiert Marx im 24. Kapitel des Kapitals mit dem Sündenfall in der Theologie, indem er der sogenannten ursprünglichen Akkumulation den gleichen Stellenwert in der politischen Ökonomie einräumt. Im Märchen-Sound der Gebrüder Grimm resümiert Marx zu Beginn des umstrittenen Kapitels die Erklärung der bürgerlichen Ökonomen seiner Zeit, wie Kapitalist*innen und Lohnarbeiter*innen in die Geschichte eintraten: „In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der anderen faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen.“ (2) Doch entgegen dieser bürgerlich-idyllischen Fabel beschreibt Marx die ursprüngliche Akkumulation als geschichtliche Bewegung, die die eigentlich Produzierenden von ihren Produktionsmitteln – also die selbstwirtschaftenden Bauern und ihre Nutznießung von Gemeindeland, ihre Existenzgrundlage – trennt; die Produzierenden werden Lohnarbeiter*innen, also Menschen, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Die Geschichte dieser Enteignung „ist in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Zügen von Blut und Feuer“. (3)

Berichten die bürgerlichen Geschichtsschreibenden von diesem Prozess lediglich als eine Befreiung von Dienstbarkeit gegenüber dem Feudalherren und Zunftzwang, vergessen sie die Gewalt, die zur Kommodifizierung von Subsistenzmitteln nötig gewesen ist: Die Fabriken brauchen Arbeiter*innen, die gewaltsam in die work-houses getrieben werden müssen. Diese Gewalt war institutionell legitimiert, indem die Feudalherren Gesetze zur Beschränkung des Jagd-, Fischerei- und Waldrechts erließen, die den unteren Klassen die Kontrolle über die Subsistenzmittel entzogen. (4) Damit die freigesetzten Massen auch tatsächlich den Weg in die Industrie fanden, wurden zehntausende Landstreicher auf Grundlage der sogenannten Armengesetze in England ausgepeitscht, man schnitt ihnen die Ohren ab, knüpfte sie auf, brannte ihnen ein V für „Vagabund“ auf die Brust, verurteilte sie zur Sklaverei, zu Galeerendienst oder sperrte sie in Strafanstalten. (5)

„[D]ie Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära“ kennzeichnet sich im internationalen Maßstab durch „[d]ie Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingeborenen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Gehege zur Handelsjagd auf Schwarzhäute“. (6) Marx fasst zusammen: „So wurde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zu Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert.“ (7) Im Fortgang entwickelte sich eine Arbeiterklasse, die die Disziplin schon verinnerlicht hatte und die Anforderungen jener Produktionsweise als Naturgesetze anerkennt: Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitals über die Arbeit. (8)

Oskar Negt und Alexander Kluge betonen in Geschichte und Eigensinn ebenfalls den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse und konkretisieren diesen, indem sie ihn gleichsam als Resultat der ursprünglichen Akkumulation verstehen, die sich in ihrer Konzeption allerdings anschickt, permanent wirksam zu sein: Die ursprüngliche Akkumulation sei zugleich eine Kategorie der Totalität (des Gesamtzusammenhangs) sowie der Prägung menschlichen Vermögens. (9) Ursprüngliche Akkumulation in Permanenz bedeute eine beständig erzwungene Anpassung menschlicher Eigenschaften zur Verinnerlichung und Assimilation im Lichte der sich stets ändernden Anforderungen des Produktionsprozesses. Beschreibt Marx im Kapital den geschichtlichen Prozess, fragen Negt und Kluge emphatisch nach den Spuren und Narben, die Angebot und Nachfrage in der menschlichen Subjektivität hinterlassen. In ihren Analysen lassen sie sich von Marx’ Maxime, dass „[d]ie Aneignung fremden Willens [...] Voraussetzung des Herrschaftsverhältnisses [ist]“, (10) leiten.

Wie er gehen Negt und Kluge von den spezifischen Produktionsverhältnissen aus, an denen sich menschliches Bewusstsein bildet: Vor der ursprünglichen Akkumulation charakterisiere sich das Bewusstsein des subsistenz-wirtschaftenden Menschen dadurch, dass er die „natürlichen Produktionsbedingungen als [zu] ihm gehörig“, (11) Boden und Gemeinwesen als „seinen verlängerten Leib“ (12) wahrnehme. Das Verhältnis zu seinem natürlichen Eigentum bezeichnet Marx häufiger als „Laboratorium seiner Kräfte und Domäne seines Willens“ (13). Negt/Kluge konkretisieren diese Domäne als „Vorstellung von etwas Eigenem (Identität, Subjektivität), von Sprache, Gemeinwesen (Assoziation), der Arbeits- und Lebensvermögen“. (14)

Dieses Arsenal von Potenzen und Eigenschaften wird mit der Einsetzung der Ordnung des Tauschwerts diszipliniert. Negt und Kluge finden das prägnante Bild vom „Umbau des inneren Haushalts“, (15) die innere Umproduktion auf die Ware Arbeitskraft bezeichnend. So wie die ursprüngliche Akkumulation den Menschen von seinen natürlichen Produktionsbedingungen trennt, werden in seinem Inneren Eigenschaften und Potenzen von ihm abgeschnitten und entfremdet. Zwar bestimmt bei Marx die ursprüngliche Akkumulation bald alle Horizonte, doch vollständig gelingt ihr dies nicht. Wohl werden nur jene Fähigkeiten, die dem fremdbestimmten Produktionsprozess nützen, gefördert, wodurch sie sich emphatisch ausbilden und andere – womöglich besonders wertvolle – bleiben auf der Strecke. Jedoch bleibt ein ausgegrenzter Rest bestehen. Welche Potenzen dies im Kapitalismus sind, lässt sich sagen; die Summe der Verzerrungen und Reste dagegen „besteht aus treibhausmäßig vorangetriebenen, aus ausgegrenzten, aus durch Zensur entstellten, aus besonders wild belassenen, aus besonders gezähmten Eigenschaften. Daneben die Resistenzen, daneben Eigenschaften, die ursprünglich akkumuliert, für eine bestimmte Periode geprägt, dann liegengelassen wurden“. (16) In ihrer Monographie Öffentlichkeit und Erfahrung nennen Negt und Kluge die enteigneten, abgetrennten und ausgegrenzten „Eigenschaften und sinnlichen Tätigkeiten von Menschen, die sich im inneren Gemeinwesen der Menschen in Bruchstücken“ (17) herausgebildet haben, (18) proletarisch – das ist abgefahren (und soll laut den beiden auch verwirren).

Man nehme an, dass diese ausgegrenzten Potenziale und sinnlichen Tätigkeiten – Auflehnung und Widerstand, Sehnsucht, Wünsche und Träume, Solidarität, Intimität, Leidenschaft, Liebe und Freundschaft, Wut und Zorn, Utopien und Dystopien, Neugierde, Faulheit ... – auch in einer total verwalteten Welt zwar eingehegt, zugerichtet und diszipliniert, doch trotzdem irgendwo wirksam sind, dann versteht sich leicht, dass die freigesetzten Bauern und entwurzelten ehemaligen Leibeigenen eben nicht zu Sklav*innen der Industrie – zu Proletarier*innen! –, sondern zu „Abenteurern“ werden: Einige suchten nach der individuellen Lösung, folgten dem Ruf des Goldes, dem Westen, witterten das schnelle Geld, wollten sich etwas aufbauen und suchten das bessere Leben, die Freiheit, die Selbstverwirklichung. Tausende suchten es in den Kolonien oder auf See – die allermeisten vergeblich.

Die Kunst gibt Kunde von diesem Arsenal der verzerrten Eigenschaften und von der Kapitallogik. Weder die ausgegrenzten Potentiale der Menschen noch die Kunst selbst darf meiner Meinung nach naiv als per se progressiv oder regressiv angesehen werden. Kunst arbeitet zugleich am Projekt der Emanzipation sowie an Zurichtung und Anpassung. Sie ist zeitweise treibende Kraft in der Formierung und Normalisierung des Kapitalverhältnisses – das hat uns u.a. Josef Vogl in Kalkül und Leidenschaft gezeigt – und zugleich Sprachrohr, Medium und Mittler der Domäne der ‚proletarisierten‘ Bruchstücke der Erfahrung.

Besonders prägnant kann man das bei Schwellenfiguren in der Literatur beobachten, solchen, die sich im Übergang von der traditionellen Gesellschaft zum Kapitalismus befinden. Robinson Crusoe, schreibt Terry Eagleton, fasziniere uns deshalb so sehr, weil er sich zwischen dem Geschäft der Abenteurer und Söldner auf der einen und dem langweiligen Leben des Bürgertums auf der anderen Seite bewege. (19) Der Soziologe César Rendueles hat Recht: Das Interessante an Daniel Defoes’ Roman passiert eigentlich vor dem Schiffbruch. Robinson Crusoe möchte sich nicht mit dem Leben des handelnden Bürgertums zufriedengeben. Seine (Unternehmer-) Familie ermahnt ihn zur ‚aurea mediocritas‘, zu einem arbeitsamen Leben – mit ruhigem und geduldigem Profit gesegnet. Nach dem Schiffbruch ereigne sich die Verwandlung: Robinson wird zum Prototyp des ökonomischen Menschen. Er verwandle das Gefährliche und Regellose des Zufalls in buchhalterisches „Risiko“, indem er „die Dinge der Welt nicht nach wahr oder falsch, gut und böse, gerecht und ungerecht sortiert, sondern nach den Kriterien von Gewinn und Verlust verfährt“. (20) So gesehen ist der Roman eine Einübung in Angebot und Nachfrage, quasi Bildungsroman des ‚homo oeconomicus‘ – „eine tropische Version von protestantischer Ethik und kapitalistischem Geist“. (21) Auf der anderen Seite finden wir Figuren wie Kleists Michael Kohlhaas, der in das Universum derer gehört, die der Historiker Eric Hobsbawm als „primitive Rebellen“ bezeichnet: „Räuber, Banditen und Schmuggler, die den Übergang von der traditionellen Gesellschaft zum Kapitalismus nicht einfach hinnehmen und sich gegen die neuen gesellschaftlichen Bedingungen auflehnen.“ (22)

Beteiligt sich die Kunst an der Geschichtsschreibung der Sieger, oder aber partizipiert sie am Projekt der Emanzipation, der enteigneten, getrennten und verzerrten Geschichte – proletarischen Geschichte? Frei nach Peter Hacks entscheidet das wohl die Haltung, die das Werk zur Welt entwickelt.

Daniel Neumann ist Literaturwissenschaftler und Teil des Graduiertenkollegs „Modell Romantik“ an der Universität Jena mit Forschungsschwerpunkten in Literaturtheorie, französische Philosophie des 20. Jahrhunderts, (Neo-)Marxismus, Theorie und Poetik der Gemeinschaft, Romantik, Literatur und Politik.

Mehr Infos zur Inszenierung hier.

(1) Vgl.: César Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft, übers. v. Raul Zelik, Berlin: Suhrkamp 2018, S. 24
(2) Karl Marx: Das Kapital. Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 23, Berlin: Diez Verlag 1975, S. 741
(3) Ebd.: S. 743
(4) Beispielsweise das Holzdiebstahlgesetz des Rheinischen Landtags, das die Moselbauern in den Ruin trieb oder den sogenannten Black Act in England, ein Gesetz, das Wilderei mit dem Tod durch den Strang bestrafte
(5) Vgl.: Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus, S.76/77
(6) Marx: Das Kapital, S. 779
(7) Ebd.: S. 765
(8) Vgl.: Ebd. S. 765
(9) Vgl.: Oskar Negt/Alexander Kluge: „Nester der Erfahrung“ in: Geschichte und Eigensinn 1. Die Entstehung der industriellen Disziplin aus Trennung und Enteignung. Selbstregulierung als Natureigenschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1993, S. 32
(10) Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Bd. 42, Berlin: Diez Verlag 1974, S. 405
(11) Negt/Kluge: Geschichte und Eigensinn, S. 25
(12) Marx: Grundrisse, S. 385
(13) Ebd.: S. 396
(14) Negt/Kluge: Geschichte und Eigensinn, S. 25
(15) Ebd.: S. 30
(16) Ebd.: S. 33
(17) Ebd.: S. 80
(18) Aber auch solche Bruchstücke von Eigenschaften und Potenzen, die sich zur Herrschaftsposition erheben! Vgl.: Ebd. S. 81
(19) Vgl.: Terry Eagleton: „Moll’s Footwear“, in: London Review of Books 33/21 (2011), S. 23f und: Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus, S. 42
(20) Josef Vogl: „Poetik des ökonomischen Menschen. Metamorphosen des Subjekts in der Moderne“, in: „Denn wovon lebt der Mensch?“ Literatur und Wirtschaft, hg. v. Dirk Hempel u. Christine Künzel, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2009, S. 20
(21) Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus, S. 45
(22) Ebd.: S. 100

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