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Nazis in Neukölln und anderswo
von Annett Gröschner
09.02.20

Kolumne:
Geschichtsmaschinistin #11
von Annett Gröschner

Nazis in Neukölln und anderswo

Was ich erzählen wollte? Ich wollte von Neukölln erzählen. Ein weiteres Kapitel meiner Streifzüge durch theaterferne Gegenden, ein Spazieren auf Palimpsesten oder ein Einmieten im Erinnerungshotel: unterwegs mit der Volksbühne auf die Autobahnplatte in Neubritz. Im Hintergrund schossen die Autos wie von einem Katapult bewegt aus dem Tunnel. Ich wollte erzählen, dass ich noch nie in der Weißen Siedlung war, jene gebirgsartig angeordneten Hochhäuser, die man vom S-Bahnhof Plänterwald aus hinter den ausgedehnten Kleingartenanlagen sieht. Als Kind kamen mir die reinweißen Häuser wie eine Verheißung vor. Ein unbekanntes Land, das zu betreten mir von einer Mauer verwehrt wurde, was ich nicht verstand. Ich vermutete Köln dort. Was blieb, war nur die Erinnerung an die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Heute ist die Siedlung immer noch weiß, aber seit 2016 ohne Sozialbindung und inzwischen zweimal verkauft. Betongold zweifelhafter Legierung. Eigentlich, dachte ich, könnte ich dort mal hinfahren.
Und ich wollte über Nazis in Neukölln schreiben, die seit mehreren Jahren im Bezirk Anschläge verüben, ohne dass sie und ihre Taten konsequent von Polizei und Justiz verfolgt werden. Warum ausgerechnet Neukölln? Eigentlich ein Bezirk, der für Vielfältigkeit steht. Ich war bei einer Diskussionsveranstaltung um die Frage, ob rechte Tendenzen in den Berliner Untersuchungsbehörden dazu führen, dass keiner der Anschläge und der beiden Morde aufgeklärt ist. Ich wollte die Frauen der Gruppe BASTAfür Aufklärung rechter Straftaten besuchen, die jeden Donnerstag vor dem Landeskriminalamt gegen die schleppende Untersuchung protestieren.

Aber weil ich vergessen hatte, rechtzeitig das Radio auszumachen, um in Ruhe schreiben zu können, erwischte mich Mittwoch um 13:30 Uhr die Meldung kalt: „Thüringens Landtag wählt überraschend im dritten Wahlgang FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten.“ Mutmaßlich mit den wenigen Stimmen seiner eigenen Partei, der CDU – und der AfD. Es war eingetreten, was viele befürchtet hatten. Dass die AfD einem Ministerpräsidenten ins Amt hilft. Jetzt war es eingetreten: Ein Faschist hat seine Fraktion nicht für den eigenen Kandidaten, sondern für den der FDP stimmen lassen. Die hat skrupellos mitgemacht, um den Linken Bodo Ramelow zu verhindern. Das Ergebnis ist, wie Christian Bangel auf Zeit Online schrieb, „die moralische Verrohung der konservativen Eliten“, der Osten ist ihr Experimentierfeld. Sie halten sich für die bürgerliche Mitte, die den Kommunismus verhindert.
Ob es nun Dummheit oder politisches Kalkül war, blieb ein paar Stunden unbeantwortet. Inzwischen ist es wohl klar, die Geschichte war abgesprochen, auch mit dem FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Zur Landtagswahl hatte Thomas Kemmerich sich mit dem Wahlslogan „Endlich eine Glatze, die in Geschichte aufgepasst hat“ vorgestellt. Sollte das mit dem Aufgepasst haben stimmen, hätte ihm bekannt sein müssen, wie vor 90 Jahren die erste Landesregierung der Weimarer Republik unter Beteiligung der NSDAP an die Macht kam. Man muss ihm also Vorsatz unterstellen.

Wie erzählt man so eine Geschichte auf der Bühne, ohne auf Shakespeare zurückzugreifen?
Kemmerich wird als Steigbügelhalter der AfD in die Geschichte eingehen, es werden seine fünf Minuten Ruhm in Cowboyschuhen gewesen sein. Vielleicht ging es ihm auch nur darum, einmal im Mittelpunkt zu stehen, auf großer Bühne, Blumen fliegen ihm zu. Wer vom Theater kann das nicht verstehen? Die Blumen flogen dann auch tatsächlich. Susanne Hennig-Welsow, die Fraktionsvorsitzende der Linken des Thüringer Landtags, trat mit dem obligatorischen Blumenstrauß vor den frisch vereidigten Ministerpräsidenten, der sich aus Verlegenheit die Hände rieb, schaute ihm kurz in die Augen und ließ der Blumenstrauß wie nebenbei fallen, vor die Cowboystiefel des Verräters, drehte sich um und ging eilig davon.

Mir war hundselend zumute.

Denn unter dem Hinterzimmer, in dem gekungelt wird, ist ein Keller, weitverzweigt und mit Server und Waffenkammer, während in den Hobbykellern, Fitnessstudios und Arbeitszimmern eine Armee von Trollen, Fightern und Prepperinnen agiert, gegen die die Holzsoldaten vom schlauen Urfin nur Holzspielzeug sind. Katharina König von der Linken, als Antifa auf etlichen Todeslisten stehend, twitterte am Abend, dass Thüringer Nazis im Netz jubeln und drohen. Man darf nicht vergessen, dass Thüringen das Land der NSU ist und die Gewalt längst nicht mehr nur verbal. Wenn das Kapitel Kemmerich auch bald vorbei sein wird, der Triumph der AfD und ihrer Anhänger*innen bleibt.
Wie findet man eine Sprache, die nicht mit den üblichen Floskeln agiert, wie Dammbruch, politisches Erdbeben, Scherbenhaufen, politischer Aschermittwoch?

Fast zur gleichen Zeit ging eine Meldung des Deutschlandfunks viral, ein Interviewzitat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, das die Hufeisentheorie stützte, nach der die aufrechten Demokrat*innen der Mitte von rechts und links bedroht werden. „Eine Linke, die Diskriminierung und Ausgrenzung mit Gendersternchen oder Sprachschöpfungen wie PoC, People of Color, aus der Welt schaffen will, hat ja nicht die Diskriminierer und Ausgrenzer, sondern die gemäßigte demokratische Mitte zum Schweigen gebracht.“ Wenn man politisch korrekte Sprache als eine definiert, die andere Menschen nicht herabwürdigt und durch Sprache ausgrenzt oder unsichtbar macht, dann fragt man sich schon, welche Freiheit hier nach Monika Grütters eingeschränkt ist. Vielleicht hätte sie zwei Tage zuvor am Workshop Critical Whiteness an der Volksbühne teilnehmen sollen, um ihre eigenen Privilegien und Verstrickungen in einer rassistischen Gesellschaft zu reflektieren und zu diskutieren und was das für ihre eigene Arbeit im Kulturbereich bedeutet.
Es ist keine Zeit mehr für Illusionen, was die bürgerliche Mitte anbelangt.

Ich stellte das Smartphone aus und ging ins Theater, schaute mir Susanne Kennedy & Markus Selgs ULTRAWORLD an.
In der Spielanordnung der Gamewelt, die farblich an LSD-Trips erinnerte, fiel ich für Sekunden in das bisher wenig erforschte hypnagoge Niemandsland zwischen Wachzustand und Schlaf. In das Bühnenbild schob sich der runde Saal des Thüringer Parlaments hinein, am Theaterhimmel öffnete sich ein Container und kippte tausende von Schuhen aus, in allen Farben und Größen, viele von Kindern, aber alle getragen, manche Absätze schiefgelaufen. Die Schuhe bildeten große Haufen auf der Bühne und deckten alles zu, was eben noch dort gewesen war, auch die Schauspieler*innen. Als ich aufschreckte, fragte die Alte den Mann Frank: „Du willst der Held sein? Du bist der Held dieses Spiels.“

Das Spiel geht weiter. We have to simulate human behavior. Das nächste Mal mehr von Neukölln.

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