VOLKSBÜHNE
Berlin

Seit ihrer Gründung ist die Volksbühne auf die Entwicklung und Wirkung neuer Regieformen angelegt. 1914 erbaut vom Architekten Oskar Kaufmann, verfügt das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz über 800 Zuschauerplätze. Allein durch Spenden der Mitglieder des Vereins Freie Volksbühne, sogenannte Arbeitergroschen, konnte der Bau des Theaters finanziert werden. Max Reinhardt, Erwin Piscator, Benno Besson, Heiner Müller, Frank Castorf, Christoph Schlingensief – die Volksbühne ist geprägt von starken Regie-, Autoren- und Künstlerpersönlichkeiten, die die Grenzen des klassischen Sprechtheaters unablässig neu vermessen haben.

SPIELZEIT 2019/2020
GESCHICHTSMASCHINE

„Der Tag, mit dem ein Kalender einsetzt, fungiert als ein
historischer Zeitraffer. Und es ist im Grunde genommen
dieser selbe Tag, der in Gestalt der Feiertage, die Tage
des Eingedenkens sind, immer wiederkehrt.“ — Walter Benjamin

Die Wiederkehr eines Tages, eines langen Jahrhunderts: 2019 jähren sich die Weltwirtschaftskrise von 1929, der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, die daraus resultierende Gründung der BRD wie der DDR 1949. Der SPD-Parteivorsitzende Willy Brandt nahm 1969 seine Arbeit als Kanzler mit dem Diktum „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ auf und leitete inmitten des Kalten Krieges seine wegweisende Neue Ostpolitik ein. 1989 fiel der Eiserne Vorhang.

GESCHICHTSMASCHINE setzt Walter Benjamins „historischen Zeitraffer” in Gang, „das Kontinuum der Geschichte aufspreng[end]”, fokussiert als Leitthema in der Spielzeit 2019/20 diese zeitgeschichtlichen Umbrüche, begreift die Gegenwart aus der Retrospektive, erzählt Geschichten und schreibt Geschichte fort – die Zukunft im Blick wie Heiner Müllers GLÜCKLOSER ENGEL, „wartend auf Geschichte in der Versteinerung von Flug Blick Atem. Bis das erneute Rauschen mächtiger Flügelschläge sich in Wellen durch den Stein fortpflanzt und seinen Flug anzeigt.”

Vergangenheit und Zukunft sind wie zwei Räume miteinander verbunden, bilden einen „Kausalnexus von verschiedenen Momenten der Geschichte“. Benjamin ergänzt in seinen mit Über den Begriff der Geschichte (1940) titulierten, geschichtsphilosophischen Thesen:

„Aber kein Tatbestand ist als Ursache eben darum bereits ein historischer. Er ward das, posthum, durch Begebenheiten, die durch Jahrtausende von ihm getrennt sein mögen. Der Historiker, der davon ausgeht, hört auf, sich die Abfolge von Begebenheiten durch die Finger laufen zu lassen wie einen Rosenkranz. Er erfaßt die Konstellation, in die seine eigene Epoche mit einer ganz bestimmten früheren getreten ist. Er begründet so einen Begriff der Gegenwart als der ‚Jetztzeit‘ […].”

Geschichte ist demnach kein additiver Prozess, sondern folgt einem „konstruktiven Prinzip“. Das Theater beschwört seit jeher das Hier und Jetzt, verdichtet Raum und Zeit. Sich in Bewegung setzend, reißt die GESCHICHTSMASCHINE überkommene Anschauungen nieder, fördert Diskurse im Bühnenraum.

Doch wer erscheint als Deus ex machina und löst den Konflikt, Antriebsmotor jeder theatralen Handlung? Im Theater dient die Maschine nicht dazu, menschliche Arbeit einzusparen oder gar zu ersetzen. Entlehnt aus dem lateinischen machina, löste der Begriff Maschine im 17. Jahrhundert bis dato übliche Ausdrücke wie Handwerk, Kunst oder Bühne ab. Maschinist nannte sich, wer im Theater die technischen Einrichtungen bediente. Der Mensch steht seit Anbeginn im Zentrum der Szenerie und hält die Maschine am Laufen, scheut den Konflikt nicht, sondern kommt sich im Kern näher, je stärker die GESCHICHTSMASCHINE rotiert, aussetzt und fortschreitet.

In unseren Produktionen im Großen Haus und im 3. Stock sowie im Rahmen von Diskursformaten widmen wir uns folgenden Schwerpunkten:

GESCHICHTSMASCHINE I – FEMINISMUS
GESCHICHTSMASCHINE II – POSTKOLONIALISMUS
GESCHICHTSMASCHINE III – IDENTITÄTSPOLITIK
GESCHICHTSMASCHINE IV – RASSISMUS

Vier Schwerpunkte, die mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts korrelieren, sie aus der Gegenwart neu befragen. Theater, Ort der Sprache, dekonstruiert ebenjene als Machtinstrument und Vehikel der Reflexion. Ziel von GESCHICHTSMASCHINE an der Volksbühne ist insofern die Auseinandersetzung mit der heutigen Gesellschaft durch die historische Kontextualisierung aktueller Entwicklungen. Die Frage, welche Rolle das Theater für den lebendigen, öffentlichen Austausch spielen kann, stellt sich dringender denn je. In ganz Europa werden Tendenzen sichtbar, die dem freien Diskurs und den demokratischen Grundwerten entgegenwirken.

Insgesamt wird es im Großen Haus und im 3. Stock der Volksbühne in der Spielzeit 2019/2020 fünfzehn Neuproduktionen geben, davon neun Uraufführungen. Den Spielzeitauftakt im September/Oktober 2019 gestalten Thorleifur Örn Arnarsson mit Eine Odyssee nach Homer, Kay Voges mit Don’t be evil. und Claudia Bauer mit Germania nach Heiner Müller. Die weiteren Regisseur*innen sind: Lucia Bihler, Alexander Eisenach, Pınar Karabulut, Susanne Kennedy, Hans-Werner Kroesinger, Constanza Macras, David Marton, Ari Benjamin Meyers, Stefan Pucher, Marius Schötz sowie Carolina de Araujo Cesconetto, Eunsoon Jung, Lena Katzer, Theresa Thomasberger, Josephine Witt und Sarah Claire Wray von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Dazu kommen sechs Premieren des P14 Jugendtheaters.

Tanz wird weiterhin eine wichtige Rolle an der Volksbühne spielen. In der kommenden Spielzeit wird die Zusammenarbeit mit den beiden Choreografinnen Constanza Macras und Sasha Waltz und deren Kompanien fortgesetzt. Die Neukreation The West von Constanza Macras ist für Februar 2020 geplant. Sasha Waltz & Guests zeigen Anfang April 2020 eine zweiwöchige Werkschau. Gezeigt wird u.a. die Wiederaufnahme von noBody, einer Produktion von 2012.

Im Juni 2020 plant die Volksbühne ein transkulturelles Theater-Festival unter dem Titel POSTWEST. In Berlin, dem europäischen Fenster zum Osten, zeichnet sich die Volksbühne als genossenschaftlich erbautes Haus durch eine bewegte Geschichte zwischen Ost und West aus. Das Festival nimmt den Zwischenort Volksbühne als Ankerpunkt, öffnet das Fenster in den Osten und macht die Kunstschaffenden selbst zu Akteuren, die Zuschreibungen auf ihre eigene Art und Weise mitgestalten. Dazu sind etablierte Institutionen als auch Theater aus der freien Szene Osteuropas als Partner eingeladen, unter anderem: Gertrudes iela teatris (Riga, Lettland), Prague City Theatres (Prag, Tschechien), Theatre POST (Sankt Petersburg, Russland), Dakh Theatre (Kiew, Ukraine) oder TRWarszawa (Warschau, Polen).

Das Musikprogramm (kuratiert von Christian Morin) und das Literaturprogramm (kuratiert von Sabine Zielke) wird weiter Freiräume für außergewöhnliche Programme bieten, die das Grundgefühl der Volksbühne mitprägen und gestalten. Der Rote Salon bleibt ein angesehener Ort für Konzerte, Lesungen, Diskurse und Philosophie, präsentiert in ungezwungener Atmosphäre. Der Philosoph Armen Avanessian führt dort seine Diskurs-Reihe Armen Avanessian & Enemies fort. Das Theoretische Duett empfiehlt Taktiken des Verharmlosens – Gespräche und Filmchen über popkulturelle Bereiche in Beziehung zur klassischen Musik. Die Reformbühne Heim & Welt lädt Sonntag für Sonntag Gäste aus Literatur, Satire, Poetry Slam und Musik ein. Und neuerdings kehrt auch der Punk zurück an die Volksbühne: Vergessene Arbeitskämpfe – Ein Punk-Abend, eine Initiative von Technikern des Hauses.

Der Grüne Salon war lange Zeit verpachtet. Dieses Jahr ist er als Ort für Bildende Kunst und Diskurs neu eröffnet worden. In seiner intimen Atmosphäre stellen Künstler*innen, Denker*innen sowie Berliner Communities und Initiativen ihre Arbeiten vor. Ein Raum für die Vielfalt, die Berlin ausmacht, mit langfristigen Kooperationen und spontanen Aktionen. Zu den festen Partner*innen gehören unter anderem die School of Disobedience, das Bard College, Nazis & Goldmund, die UDK, ASSEMBLE, der radioeins und Freitag Salon mit Jakob Augstein. Das Programm verantworten Elodie Evers und Adela Yawitz.

Der Glaspavillon neben der Volksbühne erhält seit diesem Jahr ein neues Gewand: Als feste Spielstätte des Hauses mit dem Namen LVX (eine Referenz an die Umgebung und seine Namensgeberin) stellen hier ab sofort Bildende Künstler*innen und Kollektive aus. Den Auftakt machte die Berliner Initiative Starship. Am 14.9.2019 zeigt Aviva Silverman (New York) ihre Arbeit, kuratiert von Elodie Evers.

Und P14 bleibt autonom. Unter der Losung Macht Euer Theater selber, entstehen im P14 Jugendtheater der Volksbühne unter der künstlerischen Leitung von Vanessa Unzalu Troya Regiearbeiten von jungen Menschen, die ihre eigene Vision von Theater mitbringen oder hier erst finden. Im Mai 2019 wurden Bonn Parks Drei Milliarden Schwestern mit dem Friedrich-Luft-Preis 2018 ausgezeichnet und Josefin Fischers und Elias Geißlers Core of Crisis! zum Theatertreffen der Jugend eingeladen. Auch in der Spielzeit 2019/2020 werden wieder sechs Inszenierungen von P14 im 3. Stock entstehen.

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